Klub Zwei

Stellungnahme von Sabine Breitwieser:

Zum Vorwurf von antisemitischem Gehalt in den Karten von Bureau d’études

Erstmals wurde 2003 in der Ausstellung „Geografie und die Politik der Mobilität“, kuratiert von Ursula Biemann, eine Karte von Bureau d’études in der Generali Foundation gezeigt. In dieser Ausstellung wurden Fragestellungen und Auswirkungen der Globalisierung kritisch thematisiert. Die Künstlergruppe Bureau d’études, die selbst im globalisierungskritischen Netzwerken aktiv ist und ihre diagrammartigen Karten vorwiegend bei NGO-Protestaktionen verteilt, wurde in diesem Zusammenhang eingeladen, eine neue Karte zu produzieren. Dass dieser „World Monitoring Atlas“ bereits 2003 zur Empörung einiger BesucherInnen führte, wurde uns erst jetzt durch die aktuelle Diskussion bekannt.

Im Zuge einer eingehenden Auseinander-setzung mit dem „World Monitoring Atlas“ und den Vorwürfen, die sich auf diese sowie einige andere der Karten von Bureau d’études beziehen, müssen wir feststellen, dass die ausgewählten Informationen und vor allem deren unkommentierte Ver-arbeitung durchaus problematisch erscheinen können. Informationen sind kein neutrales Ausgangsmaterial, keine objektiven Fakten, und müssen daher besonders in ihrer historischen Komplexität sichtbar gemacht werden. Jede Vereinfachung kann stereotype Interpretationen begünstigen. Dass dies im Zusammenhang mit der reduzierten Darstellungsweise bei einigen der Karten zum Vorwurf des antisemitistischen Gehalts führen kann, ist aus heutiger Sicht für uns nachvollziehbar.

Aus diesem Grund haben wir auch Bureau d’études um eine Stellungnahme zu dieser Problematik gebeten. Sie betonen ausdrücklich, dass ihre Arbeit nicht durch Antisemitismus motiviert ist. Dennoch fällt auf, dass komplexe wirtschaftliche Zusam-menhänge durch das Anführen bestimmter Familiennamen personalisiert und dadurch vereinfacht und verzerrt werden.

Gerade im Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung, die zeigt, wie KünstlerInnen politische und gesellschaftliche Zusammen-hänge inhaltlich und visuell bearbeiten, ist das Interesse groß, Projekte vorzustellen, die wie Bureau d’études versuchen, die zeitge-nössische, transnationale Version des Staats-kapitalismus, der sich zunehmend dem Zugriff demokratischer Gegenkräfte entzieht, darzustellen. Die Problematik der Verein-fachung solcher komplexer Zusammenhänge in Form von Diagrammen ist uns durch diese Kritik erneut bewusst geworden.

Die Generali Foundation und ich persönlich als Leiterin der Institution und Kuratorin der aktuellen Ausstellung wollen antisemitische Äußerungen und Darstellungen weder dulden oder gar kommunizieren – auch wenn diese nicht intendiert sind. Wäre es daher nicht am besten, die kritisierten Karten umgehend aus der Ausstellung zu nehmen? Die laufende Debatte wird uns vielleicht letztlich zu diesem Schritt führen. Ebenso wichtig wie eine kritische Revision der Ausstellung erscheint uns jedoch, diesen Fragestellungen im Rahmen einer weiter-gehenden Auseinandersetzung nachzugehen.

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