Von:
<aktion@gegendenantisemitismus.at>
An: foundation@generali.at
Betreff: weltverschwörungskarten
Datum: Fri, 14 Oct 2005 12:27:53 +0200
Sehr geehrte Damen und Herren!
Schon
vor zwei Jahren wurden wir von empörten BesucherInnen Ihrer Ausstellung
"Geografie und die Poltik der Mobilität" auf den problematischen
Gehalt der Arbeiten von Bureau d'études aufmerksam gemacht: Deren "World
Monotoring Atlas" sei nichts anderes als eine verkappte Neuauflage der
berüchtigten "Protokolle
der Weisen von
Zion". (Die Protokolle der Weisen von Zion sind ein aus mehreren
fiktionalen Texten zusammengestelltes antisemitisches politisches Pamphlet.
Seit ihrer ersten Verbreitung zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehören
sie zu den Standardwerken des Antisemitismus. Anm. Klub Zwei)
Damals hatten wir jedoch den Eindruck, dass es sich hierbei um eine Persiflage des verschwörungstheoretischen Antisemisitsmus und der mit ihm ursächlich verbundenen Sucht nach Konkretheit handelt.
Es war ja auch tatsächlich schwer zu glauben, dass es anders ist, zumal ihr Haus ja über einen ausgezeichneten Ruf in der kritischen Öffentlichkeit verfügt. Nun werden im Rahmen Ihrer aktuellen Ausstellung "Wie Gesellschaft und Politik ins Bild kommen" weitere Karten von Bureau d études gezeigt. Die Arbeitsweise des französischen KünstlerInnenkollektivs wird von Ihnen euphemistisch als "kartografische Erfassung komplexer ökonomischer und politischer Systeme" bezeichnet. Tatsächlich steht die Reduktion der Komplexheit, die schon erwähnte Sucht nach Konkretheit, am Anfang des modernen Antisemitismus. Stets beginnt dieser mit Personalisierung, welche mit dem Pathos der Entlarvung vorgetragen wird. Aus moderner Herrschaft als vielfältig determinierte und wirkende Struktur wird das böse Treiben von konkret benennbaren "Herren", die sich noch dazu im Geheimen treffen. Ist für marxistische Linke der "Kapitalist" nichts anderes als ein "Beamter des Kapitals", wird er im antikapitalistischen Ressentiment zum profitgierigen Verursacher allen Übels. Autoren wie z.B. Detlev Claussen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es "der Jude" ist, der vorm Hintergrund jahrhundertelanger Stereotypenbildung persönlich haftbar gemacht (wird) für unpersönliche, anonyme Gesellschaftliche Mächte. Ist schon der Verschwörungsmythos zumindest strukturell antisemitisch, sind es mehrere Karten von Bureau d études auch unmittelbar.
Auch Hito Steyerl weist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Bildpunkt auf dieses höchst problematische "Beharren auf der falschen Konkretheit" hin und attestiert den KünstlerInnen ein "zutiefst manichäisches Weltbild". Zu recht charakterisiert sie deren Werke als "krude(n) und irreführende(n) grafischen Verschwörungsatlanten". Wie sehr Bureau d études in der Vorstellung von einer (Welt)Verschwörung gefangen ist, zeigt sich etwa auch an ihrer Behauptung, mehrere Geheimdienste (darunter natürlich auch der israelische!) hätten schon im Vorfeld von den Terrorangriffen des 11. September 2001 gewusst. Auch "Spekulanten" (sic!) seien vorgewarnt gewesen (vgl.).
Gleiches findet sich in Texten von Neonazis und Islamisten, die sich im Hass auf "USrael" treffen. Als organische Intellektuelle des theroretisch verlottertsten Teil der globalisierungskritischen Bewegung bringen Bureau d études in ihren Arbeiten das dort herrschende Ressentiment bildhaft zum Ausdruck. Dagegen wäre ja grundsäztlich nichts einzuwenden, wenn dies in kritischer oder ironisierender Absicht erfolgte. (Ich verwende z.B. den "World Monotoring Atlas" in Seminaren zum neuen Antisemitismus als anschauliches Beispiel zur Illustration.)
Nach
Besuch Ihrer aktuellen Ausstellung und weiteren Recherchen musste ich jedoch
zur traurigen Erkenntnis gelangen, dass es ernst gemeint ist.
Erlauben Sie mir abschließend die Frage, wie Sie vorm Hintergund dieser
Kritik die Arbeiten von Bureau d études bewerten.
Mit
freundlichen Grüßen
Heribert Schiedel
